Im März des hinter uns liegenden Jahres fand die demokratische Bewegung ihren Höhepunkt in der Revolution gegen die preußische feudalistische Herrschaft. Die Gründe dafür reichen weit zurück, bis zum Wiener Kongreß. Durch die ehrlose Vernichtung aller Reformen und dem Bruch aller in der Besatzungszeit gegeben Versprechen auf mehr Rechte für unser Volk, herrschte in allen Deutschen Staaten und Stäatchen, somit auch in Preußen, große Unzufriedenheit. In den 40er Jahren hatte sich die Situation hier in Preußen für das Volk drastisch verschlimmert.
Der größte Teil unseres Volkes lebte unter oder am Rande des Existenzminimums, aus vielerlei Gründen. Die Probleme der Handwerker beruhen auf der riesigen, unüberlegt durch den Staat geschaffenen Konkurrenz: Während der Großteil des Volkes ruiniert war, wurden in den Gefängnissen sogar die Verbrecher gefördert, indem man sie zu Handwerkern ausbildete. Daraus entstand große Konkurrenz für die ehrlichen Handwerker, die dem Preiskampf nicht mehr gewachsen waren. Anstatt die Bevölkerung aus dem Elend zu befreien, wurde sie so von der Regierung noch weiter in die Armut getrieben. Aber auch innerhalb unseres oppositionellen Daseins gab es Unstimmigkeiten. Das Volk spaltete sich in die Demokraten und die Liberalen, welche sich auf gar keinen Fall auf das Niveau der Arbeiterklasse herablassen" wollten. Diese Liberalen, bei denen es sich meist um Fabrik- und Gutsbesitzer handelten, meinten, daß die Bevölkerung durch ihre Faulheit selbst an ihrer Armut schuld sei. Sie waren darauf aus mit dem Adel Kompromisse zu schließen und trieben die demokratische Bewegung, mit wenigen Ausnahmen, nicht voran. Als unser Gebieter", 1840 mit seinem Amtsantritt, die Zensur lockerte und die Pressefreiheit dadurch größer wurde, sah man schon erste Erfolge. Doch diese wurden kurze Zeit später, durch die Verschärfung der Selben, wieder zunichte gemacht.
Während die Februarrevolution in Frankreich im vollem Gange war sprang der Funke auch auf Preußen über. Es kam zu zahlreichen Demonstration und Volksaufläufen. Am 18. März kam es dann durch ein angebliches Mißverständnis zum Ausbruch der Revolution. Auf dem Schloßplatz in Berlin hatte sich eine große Menschenmenge versammelt, um dem König seine Dankbarkeit, für das Vorhaben eine Verfassung auszuarbeiten, zu zeigen. Dies geschah unter der dem schützenden" Säbel des preußischen Militärs. Als das Militär plötzlich versehentlich" auf die Versammelten zu schießen begann, gab es kein Halten mehr und wir waren gezwungen zur Revolution aufzurufen. Das hervorstechendste Merkmal dieser Revolution waren wohl die Barrikadenkämpfe in Berlin. Die Bevölkerung Berlins hatte mit unbändigem Mut überall in der Stadt Barrikaden errichtet und verteidigt, so daß sie von den Preußischen Truppen nur sehr schwer zu nehmen waren. Andere Aufstände wurden von den Schergen des Königs mit äußerster Brutalität niedergeschlagen, so z. B. in Schlesien. Die Barrikadenkämpfe wurden am 20. März durch den Abzug des Militärs aus Berlin beendet. Zuvor ersuchten hohe Militärs den König um die Erlaubnis, Berlin mit schwerer Artillerie beschießen zu dürfen, dieser jedoch lehnte ab. Der König heuchelte öffentlich Entschuldigungen für die Toten, welche dieses unglückliche Mißverständnis" hervorgebracht hatte. An diesem Punkt glaubte man schon an einen Sieg der Revolution, es sah auch danach aus. Denn am 22. Mai wurde vom König die preußische Nationalversammlung einberufen, welche die Aufgabe hatte Preußen eine Verfassung zu geben. Aber nach dem im übrigen Deutschland die demokratischen Erhebungen gescheitert waren, konnte der König daran gehen die Kontrolle in Preußen wieder völlig zu übernehmen. Die ganze Zeit war in Berlin keinerlei Militärpräsens zu spüren, bis General von Wrangel mit seinen Truppen in Berlin einzog. Er verhängte den Belagerungszustand über die Stadt und ordnete drastische Maßnahmen zur Erstickung der politischen Bewegungen an.
Damit war die Revolution völlig beendet. Die tapfer erkämpften Erfolge des März sind später im Sande verlaufen, da man erkennen mußte, daß die Revolution weder auf der Straße, noch durch Debatten in der Nationalversammlung zu gewinnen war.
Im Dezember wurde die Nationalversammlung aufgelöst und dem Volk eine Verfassung aufgezwungen. Die Krönung des Ganzen war die Einführung des Dreiklassenwahlrechts, mit dem das liberale Wahlrecht ersetzt wurde. Die Wählerschaft wurde gemäß ihrer Steuerleistung in drei Klassen eingeteilt, die jeweils eine gleiche Zahl Abgeordnete in den Landtag entsenden dürfen. Daraus ergab sich, daß 3% der Wähler, die die meisten Steuern zahlen, ein Drittel, weitere 12% das zweite Drittel und die restlichen Wahlberechtigten das letzte Drittel der Abgeordneten bestimmen dürfen.
Also steht Preußen so da, wie es vor der Revolution da stand: ohne nennenswerte Erfolge für die Demokraten.
A. G.